Feuerstein
19.09.2002, 11:05
Gerade die Marke Alfa Romeo hat im Verlauf ihrer Geschichte vor allem durch die Treue und Leidensfähigkeit ihrer Fans, der Alfisti überlebt. Markenbindung hat sicher auch mit Treue zu tun. Zum Thema Treue habe ich den folgenden interessanten und humorvollen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 14./15.09.02 gefunden, der mich auch im Zusammenhang mit der Zukunft der Marke Alfa Romeo zum Nachdenken angeregt hat:
Treue. Punkt!
Albatros und Bonobo, ist das die Frage? Bonobos sind Zwergschimpansen, und so ziemlich das Promiskuistivste, was in der Natur rumläuft. Sie sind die Rimini-Strand-Aufreißer unter den Tieren. Sie machen Liebe mit dem eigenen Weibchen, mit fremden Weibchen, mit fremden Männchen, mit sich selbst, eigentlich mit jedem, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt. Treue kennen sie nicht.
Das Gegenteil des Bonobos ist der Albatros. Er ist das Wappentier der Treue. Vier Jahre schnäbelt das verliebte Albatrospärchen nach dem Kennenlernen, krault sich die Federn, fummelt ein bisschen. Albatrosse überstürzen nichts. Ein Albatros ist zuverlässig, ein guter Familienvater, hilft im Nest. Albatrosse sind sehr treu. Moralphilosophisch sind sie vermutlich sogar die besseren Menschen. Eigentlich müsste es doch leicht sein, sich zu entscheiden. Albatros oder Bonobo - das ist doch keine Frage.
Wenn man aber die Bunte, die Gala, die Bild liest oder am Nachmittag Fernsehen schaut bekommt man einen anderen Eindruck: Die Deutschen haben sich schon lange entschieden. Bohlen, Effenberg, Becker, Borer, Lauterbach, Beckenbauer. Bonobos, wohin man schaut.
Dabei wollen die meisten treu sein. Treue ist als Ziel noch vorhanden, als Absicht. Statistisch halten 80 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Männer Treue für unbedingt erforderlich, statistisch ist jeder zweite Mann und jede dritte Frau aber leider untreu - faktisch sind es vermutlich mehr, weil man sich fragt, woher Statistiker wissen wollen, dass Menschen, die ihren Partner betrogen haben, bei Fragebögen zu ihrem Liebesleben aufrichtig sein sollten.
Die Treue hat es also schwer. Dabei ist es leider gleich, ob man die Treue zu seinem Partner, den Eltern, zu einem Freund oder womöglich auch zu einem Politiker meint. Es ist das gleiche Problem, das heute Ehrlichkeit, Güte, Demut, Geduld, eigentlich fast alle Tugenden haben. Sie sind medial unbrauchbar, schwer vermittelbar, irgendwie unsexy.
Die einzige Ausnahme ist vielleicht der Mut. Mut ist eine Tugend, die mit Aktion verbunden ist, mit Kampf, mit Streit, mit etwas, das man sehen kann, weil sie sich nicht im Inneren abspielt. Man könnte sagen Mut ist telegen. Treue ist das nicht. Sie ist ein Zustand. Treue schlummert, döst, wird ein einziges Mal geschworen und nicht ständig beschworen. (...)
Für die meisten fängt das Problem mit der Treue schon in der Schule an. Hier wird sie auswendig gelernt, meist in Form von Schillers "Bürgschaft". Das Hohelied auf die Treue, sagen Deutschleher gern und loben dann das Verhalten von Damon. Dieser habe treu zu seinem Freund gestanden, obwohl er wusste, dass der Tyrann ihn dafür umbringen würde. Diese Bereitschaft, für einen Freund das Leben zu geben, hat den Tyrannen so sehr beeindruckt, dass er Damon und dem Freund das Leben schenkt. Treue obsiegt, sagen die Deutschlehrer. Schiller würde ihnen vermutlich nicht widersprechen. Ein paar Tage später werden diese Lehrer die ganze Klasse bestrafen, weil sich die Schüler weigern, denjenigen zu verraten, der an die Tafel schrieb: "Scheiß Gedicht, völlig unrealistisch - Friedrich Schiller sucks!" Wer es in Deutsch noch nicht verstanden hat, der bekommt spätestens im Geschichtsunterricht das Problem mit der Treue mit. Die Ehre der SS hieß Treue, und Kurt Tucholsky hat mal über Hitler geschrieben: "Der wird wild, wenn se ihn die Treue brechen. Weil det is undeutsch, und da ist er kitzlig!"
Vielleicht kann man nicht verlangen, dass man Treue als das vermittelt, was sie vor allem ist - als etwas Komplexes und Sperriges, das aber leider nichts Geringeres zu sein scheint als die wichtigste Bedingung für Hoffnung. Es macht keinen Sinn, an die Zukunft [der Marke Alfa Romeo?] zu glauben, wenn man keine Treue kennt, wenn man auf nichts vertraut, wenn man aus nichts in einem selbst Gewissheit zieht. Das Dumme ist, dass einmal geschworene Treue alleine noch kein Wert ist. Ein schlechter Ehemann hört nicht deshalb auf, ein Kotzbrocken zu sein, weil er seine Frau nicht betrügt, und wenn man an Hitler, Stauffenberg und den 20. Juli 1944 denkt, ist man froh - es gibt einem Hoffnung -, dass dieser junge Oberstleutnant in Sachen Führertreue seinen persönlichen Werteverfall erlebte. Treue ist individuell.
Man müsste Treue wieder attraktiv machen. Auch wenn man nicht so genau weiß, wie das gehen soll. Ökonomen würden sagen, man muss Anreize schaffen. Wie beim Einkaufen. Da funktioniert das. Treue ist hier auf einem Chip gespeichert oder wird abgestempelt. Miles & More, Payback, so Geschichten. Mittlerweile machen das viele Betriebe, Kinos, Cafés, Frisöre, Supermärkte. Sogar Bordelle sollen Treuekarten haben. Die lustigen Werbetexter der FDP würden sie vermutlich Viellieger-Prämie nennen. Treue auf Motivationsbasis, Treue muss sich wieder lohnen, einige Kanzlerberater haben ja bald viel Zeit, vielleicht sollte man sie fragen, wie man ein Image schafft. Wie man das Unverkäufliche [Fiat, Lancia, Maserati, Alfa?] verkauft.
Vermutlich ist das aber alles Unsinn, nur eine lächerliche Idee. Aber irgendwie darf das doch nicht sein. Es darf doch nicht sein, das nur Bonobos auf die Seite eins der Bild-Zeitung kommen, dass nur Bonobos reich und berühmt werden, dass nur Bonobos die hübschen Mädchen kriegen. Rettet die Albatrosse!!"
Gruß
Feuerstein
Treue. Punkt!
Albatros und Bonobo, ist das die Frage? Bonobos sind Zwergschimpansen, und so ziemlich das Promiskuistivste, was in der Natur rumläuft. Sie sind die Rimini-Strand-Aufreißer unter den Tieren. Sie machen Liebe mit dem eigenen Weibchen, mit fremden Weibchen, mit fremden Männchen, mit sich selbst, eigentlich mit jedem, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt. Treue kennen sie nicht.
Das Gegenteil des Bonobos ist der Albatros. Er ist das Wappentier der Treue. Vier Jahre schnäbelt das verliebte Albatrospärchen nach dem Kennenlernen, krault sich die Federn, fummelt ein bisschen. Albatrosse überstürzen nichts. Ein Albatros ist zuverlässig, ein guter Familienvater, hilft im Nest. Albatrosse sind sehr treu. Moralphilosophisch sind sie vermutlich sogar die besseren Menschen. Eigentlich müsste es doch leicht sein, sich zu entscheiden. Albatros oder Bonobo - das ist doch keine Frage.
Wenn man aber die Bunte, die Gala, die Bild liest oder am Nachmittag Fernsehen schaut bekommt man einen anderen Eindruck: Die Deutschen haben sich schon lange entschieden. Bohlen, Effenberg, Becker, Borer, Lauterbach, Beckenbauer. Bonobos, wohin man schaut.
Dabei wollen die meisten treu sein. Treue ist als Ziel noch vorhanden, als Absicht. Statistisch halten 80 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Männer Treue für unbedingt erforderlich, statistisch ist jeder zweite Mann und jede dritte Frau aber leider untreu - faktisch sind es vermutlich mehr, weil man sich fragt, woher Statistiker wissen wollen, dass Menschen, die ihren Partner betrogen haben, bei Fragebögen zu ihrem Liebesleben aufrichtig sein sollten.
Die Treue hat es also schwer. Dabei ist es leider gleich, ob man die Treue zu seinem Partner, den Eltern, zu einem Freund oder womöglich auch zu einem Politiker meint. Es ist das gleiche Problem, das heute Ehrlichkeit, Güte, Demut, Geduld, eigentlich fast alle Tugenden haben. Sie sind medial unbrauchbar, schwer vermittelbar, irgendwie unsexy.
Die einzige Ausnahme ist vielleicht der Mut. Mut ist eine Tugend, die mit Aktion verbunden ist, mit Kampf, mit Streit, mit etwas, das man sehen kann, weil sie sich nicht im Inneren abspielt. Man könnte sagen Mut ist telegen. Treue ist das nicht. Sie ist ein Zustand. Treue schlummert, döst, wird ein einziges Mal geschworen und nicht ständig beschworen. (...)
Für die meisten fängt das Problem mit der Treue schon in der Schule an. Hier wird sie auswendig gelernt, meist in Form von Schillers "Bürgschaft". Das Hohelied auf die Treue, sagen Deutschleher gern und loben dann das Verhalten von Damon. Dieser habe treu zu seinem Freund gestanden, obwohl er wusste, dass der Tyrann ihn dafür umbringen würde. Diese Bereitschaft, für einen Freund das Leben zu geben, hat den Tyrannen so sehr beeindruckt, dass er Damon und dem Freund das Leben schenkt. Treue obsiegt, sagen die Deutschlehrer. Schiller würde ihnen vermutlich nicht widersprechen. Ein paar Tage später werden diese Lehrer die ganze Klasse bestrafen, weil sich die Schüler weigern, denjenigen zu verraten, der an die Tafel schrieb: "Scheiß Gedicht, völlig unrealistisch - Friedrich Schiller sucks!" Wer es in Deutsch noch nicht verstanden hat, der bekommt spätestens im Geschichtsunterricht das Problem mit der Treue mit. Die Ehre der SS hieß Treue, und Kurt Tucholsky hat mal über Hitler geschrieben: "Der wird wild, wenn se ihn die Treue brechen. Weil det is undeutsch, und da ist er kitzlig!"
Vielleicht kann man nicht verlangen, dass man Treue als das vermittelt, was sie vor allem ist - als etwas Komplexes und Sperriges, das aber leider nichts Geringeres zu sein scheint als die wichtigste Bedingung für Hoffnung. Es macht keinen Sinn, an die Zukunft [der Marke Alfa Romeo?] zu glauben, wenn man keine Treue kennt, wenn man auf nichts vertraut, wenn man aus nichts in einem selbst Gewissheit zieht. Das Dumme ist, dass einmal geschworene Treue alleine noch kein Wert ist. Ein schlechter Ehemann hört nicht deshalb auf, ein Kotzbrocken zu sein, weil er seine Frau nicht betrügt, und wenn man an Hitler, Stauffenberg und den 20. Juli 1944 denkt, ist man froh - es gibt einem Hoffnung -, dass dieser junge Oberstleutnant in Sachen Führertreue seinen persönlichen Werteverfall erlebte. Treue ist individuell.
Man müsste Treue wieder attraktiv machen. Auch wenn man nicht so genau weiß, wie das gehen soll. Ökonomen würden sagen, man muss Anreize schaffen. Wie beim Einkaufen. Da funktioniert das. Treue ist hier auf einem Chip gespeichert oder wird abgestempelt. Miles & More, Payback, so Geschichten. Mittlerweile machen das viele Betriebe, Kinos, Cafés, Frisöre, Supermärkte. Sogar Bordelle sollen Treuekarten haben. Die lustigen Werbetexter der FDP würden sie vermutlich Viellieger-Prämie nennen. Treue auf Motivationsbasis, Treue muss sich wieder lohnen, einige Kanzlerberater haben ja bald viel Zeit, vielleicht sollte man sie fragen, wie man ein Image schafft. Wie man das Unverkäufliche [Fiat, Lancia, Maserati, Alfa?] verkauft.
Vermutlich ist das aber alles Unsinn, nur eine lächerliche Idee. Aber irgendwie darf das doch nicht sein. Es darf doch nicht sein, das nur Bonobos auf die Seite eins der Bild-Zeitung kommen, dass nur Bonobos reich und berühmt werden, dass nur Bonobos die hübschen Mädchen kriegen. Rettet die Albatrosse!!"
Gruß
Feuerstein